Karben Open Air (22.8.2015) und Feuertal Festival (29.8.2015)

Nur noch zwei Auftritte trennen Sören und mich von unserer Trennung. Ach ja, gute alte Wortwitze… Im Ernst: ein komisches Gefühl ist es schon, sich auf den Weg zum Karben Open Air (etwas nördlich von Frankfurt/Main) zu machen. Das wird der vorletzte Gig von Das Niveau in seiner Ursprungsformation.

Das Wetter scheint mit uns zu sein: die Sonne scheint, es ist warm und wir haben unseren eigenen Backstage. Es regt sich zum letzten Mal mein schlechtes Gewissen, sind doch ganz andere Bands hier, die ihren eigenen Backstage viel eher verdient haben. Was bleibt uns anderes übrig, als artig danke zu sagen und dann erstmal ein kaltes Bier aus dem Miniatur-Kühlschrank zu zischen? (Nachlegen nicht vergessen.)

Nach einem Spaziergang übers Camping- und übers Festivalgelände (die, so ich mir das richtig gemerkt habe, deutsch-spanisch-schwedisch-US-amerikanische-Stoner-Rock-Band Bushfire ist so gut, dass ich mir alle Alben kaufe) setzen wir uns zum Essen ins Cateringzelt. Und ich bemerke meine Hoffnung, dass es mit meinem Indierock-Projekt Vorband irgendwann so gut läuft, dass ich wieder auf Tour gehen kann. Denn an Das Niveau habe ich nicht nur das Auftreten, das Spielen und Witze-Reißen gemocht, sondern auch und vor allem das Drumherum. Das Reisen in zum Teil fremde Städte, das Im-Hotel-Schlafen, die immer neuen Menschen (Veranstalter, Techniker, (Bühnen-)Helfer, Barkeeper, Köche usw.) – auch wenn mich regelmäßig das schlechte Gewissen gepackt hat: „Ich habe das doch gar nicht verdient, so von euch allen versorgt und verwöhnt zu werden.“

Unser Auftritt schließlich geht so schnell rum wie sonst auch, vielleicht sogar etwas schneller. Wegen der aktuellen rassistischen Hetze gegen Flüchtlinge und der Anschläge auf sie und ihre Unterkünfte gestalten wir die Show etwas politischer, machen deutliche Ansagen, spielen unsere politischen Songs. Und ich habe Spaß. Im Vorfeld dachte ich noch, es würde Arbeit bedeuten, die letzten beiden Auftritte abzureißen, aber: ich habe Spaß.

Eine Woche später – in der Zwischenzeit ist die Lieferung meines neuen Albums „Haschemitenfürst“ (VÖ: 2. Oktober) aus dem Presswerk und damit der erste Schritt in Richtung Zukunft nach Das Niveau angekommen – steige ich ein letztes Mal in den Zug, um zu einem Auftritt mit Sören zu fahren. Es geht zum Feuertal Festival in Wuppertal und zumindest das letzte Stück der Anfahrt wirkt so, als wolle das Schicksal (an das ich freilich nicht glaube) uns die letzten gemeinsamen Schritte erschweren. Sören (der mit seinem Vater fährt, der in dieselbe Richtung muss) und ich (ich steige in Wuppertal bei unserem Merchteam Caro und Flo ins Auto) haben beide große Schwierigkeiten, das Festivalgelände zu finden. Und das liegt nicht daran, dass es sich „Wo ist Waldo?“-mäßig im Gewimmel versteckt hat. Es liegt vielmehr daran, dass Wuppertal ein abstruses, undurchschaubares Gewimmel von Straßen durchzieht: überall sind Einbahnstraßen und man darf dort, wo man abbiegen müsste, nicht abbiegen. Dazu kommt, dass gerade überall gebaut wird, man also noch weniger Möglichkeiten hat, sein Ziel zu erreichen.

Ich warte etwa eine Dreiviertelstunde am Bahnhof auf Caro und Flo, die eigentlich nur zehn Minuten brauchen wollten. Schließlich gibt Flo auf und sagt, er komme einfach nicht dahin, wo ich warte. Er schickt mir seine Position und zu Fuß kann ich „ihn erreichen“. (Kleiner Indiana-Jones-Witz, gern geschehen!)

Dort endet die Odyssee aber nicht, sie fängt erst an. Denn mit im Auto zum Feuertal Festival zu gelangen schaffen wir nur, weil Sören, der bereits auf dem Gelände ist, uns dort hin lotst. Nach einem kurzen Ankomm-Bier müssen wir auch schon Soundcheck machen und anschließend spielen. Sören hat vorher im Backstage etwas auf einen Zettel geschrieben und als ich draufschauen wollte, ließ er mich nicht. Er hat also – wie ich auch – einen Abschiedssong für mich geschrieben. Awww.

Der Auftritt ist dementsprechend emotional aufgeladen, weil wir eben wissen, dass wir nicht nur das letzte Mal gemeinsam spielen, sondern einander auch schwülstig „Lebwohl!“ sagen werden. Wie auch schon letzte Woche mache ich eine politische Ansage zum Thema Flüchtlinge und freue mich über so viel Zuspruch aus dem Publikum. Obwohl Sören Recht hat damit, als er sagt, dass es schöner wäre, müsste man sich mit Flüchtlingen gar nicht solidarisch erklären, weil es etwas Alltägliches ist.

Alltäglich ist unser letztes Konzert nicht. Nachdem wir Klassiker und neue Sachen gespielt haben, rappt Sören mir seinen Abschied vor und ich singe ihm „Goodbye“. Und als ich mich das letzte Mal vor der Menge verbeuge, komme ich nicht umhin, festzustellen, gerührt zu sein. Vier Jahre gehen vorbei. Da darf auch mal ein Tränchen fließen.

Was jetzt passiert? Wer weiß. Und um mit den Worten des wundervollen Dr. Frank-N-Furter zu schließen: „I see you shiver with antici-“

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