Kaum, dass wir Hamburg passiert haben, fängt es an zu regnen. Als wir in Wrist aussteigen ist der Regen so stark, dass die zehn Sekunden, die der Weg von der Bahn zum Bus dauert, reichen, mich vollkommen zu durchnässen. Hätte ich jetzt meinen schweren Koffer, meine Gitarre und meinen Laptop nicht dabei und auch weder iPod noch Telefon in den Hosentaschen, würde ich vielleicht die Arme von mir strecken, den Kopf in den Nacken legen, die Augen schließen und den Regen auf mich niederprasseln lassen – exakt so, wie ich es in zahllosen Filmen gesehen habe. Schön klischeehaft, vor Bedeutungsschwangerschaft fast berstend.
Aber so groß die Versuchung auch ist: Meine Sachen sind mir wichtiger, außerdem sind wir spät dran und der Busfahrer hat wohl nur deswegen gewartet, weil er uns durch den Regen herankommen sah.
Nach dem Abendessen klopft Sören noch mal an meiner Zimmertür und sagt: „Lass uns mal nach Itzehoe fahren.“ Ich frage, was wir da sollen. „Noch was trinken gehen. Es gibt da den Cheyenne Club.“ Ich bin müde, Sören aber ruft ein Taxi, das er schließlich wieder abbestellt, als ich ihm begreiflich machen kann, dass ich heute nicht ausgehen will. Schwer zu glauben, ich weiß, aber nicht immer bin ich der harte Rock&Roller, als den man mich kennt…
Als ich mich am Samstag auf den Weg zum Gelände mache, ist – im Gegensatz zu gestern – strahlender Sonnenschein. Der Flugplatz „Hungriger Wolf“, auf dem das MPS stattfindet, war, wie mir der Taxifahrer erklärt, mal eine Kaserne, und während der Flugplatz von privaten Firmen weitergenutzt wird, sind die Unterbringungen jetzt vermietet: Ich sehe mehrere Ateliers, ein Café und einen Antiquitätenhandel. Als wir an den Häusern vorbei sind, sehe ich endlich den Flugplatz, und er ist riesig. Ich lasse den Taxifahrer – wie ich erst fünf Minuten später merke – zu früh anhalten und muss dann zu Fuß das gesamte Campinggelände durchqueren. Das ist – warum auch immer – das erste Mal, seit wir auf dem MPS spielen, dass ich das Campinggelände betrete, und augenblicklich werde ich wehmütig, weil ich so lange nicht als Gast auf einem Festival war. Aber ich habe ja schon mit Sören gesprochen, der blöderweise kein Festivalgänger ist, deswegen auch die Notwendigkeit eines Gesprächs: In 2013 halte ich mir ein Wochenende für ein Festival frei, um mal wieder mit Freunden im Zelt zu pennen, Live-Musik zu hören, morgens um neun Uhr Bier zu frühstücken und die ein oder andere selbstgedrehte Zigarette zu rauchen.
Als ich an der Bühne ankomme, bin ich so aufgeladen von Campinggelände-Festival-Energie, dass ich umso mehr Lust zum Auftreten habe. Vor der Bühne ist zwar nicht viel los, was wohl daran liegt, dass das Flugplatzgelände so groß ist und sich nur wenige hierher verirren, aber großen Spaß macht es trotzdem. Auch der startenden und landenden Kleinflugzeuge und der Fallschirmspringer wegen, von denen einer sogar auf dem Festivalgelände landet, weil er sich verschätzt hat. Glücklicherweise verletzt er sich nicht.
Unsere Auftritte, sowohl am Samstag als auch am Sonntag, sind ausnahmslos alle großartig, der beste allerdings wohl der letzte am Sonntag: Wir spielen eine Technoversion von „Beim Pissen gemeuchelt“ und drehen spontan eine Flensburger Werbung. Als ich dann noch von einem unserer Fans zum Bahnhof nach Wrist gefahren werde (Danke, Nadja!), ist alles gut. Alles? Nein, ein von unzähligen Mittelalter-Fans unbeachtetes Fußball-Europameisterschaftsfinale will noch geguckt werden. Von wem? UNS!! (Sorry, kleiner Versengold-Scherz.)






